AIS für Sportboote: Empfänger, Transponder und was die Klassen bedeuten
Ratgeber Yachtelektronik & Bootselektrik
Empfänger oder Transponder – was AIS an Bord wirklich leistet
Kaum eine elektronische Nachrüstung verbessert den Überblick über den Schiffsverkehr so unmittelbar wie AIS – und kaum eine wird so häufig missverstanden. Der wichtigste Unterschied steckt nicht im Preis und nicht in der Marke, sondern in einer einzigen Frage: Sendet das Gerät, oder hört es nur zu?
Ein AIS-Empfänger zeigt Ihnen andere AIS-aussendende Schiffe auf dem Plotter. Das ist viel wert, wenn Sie nachts durch die Kadetrinne oder bei Sicht unter einer Seemeile durch die Elbmündung fahren. Es macht Ihr Boot für andere Verkehrsteilnehmer jedoch nicht per AIS sichtbar.
Dieser Ratgeber erklärt den Unterschied zwischen Empfänger und Transponder, was die Klassen A, B und B/SO praktisch bedeuten, wozu eine MMSI nötig ist, wie AIS an Antenne und Plotter kommt – und was AIS ausdrücklich nicht leistet. Wer die Kaufentscheidung sucht, springt direkt zu Welches AIS passt zu welchem Boot?
Kurz gefasst
Darauf sollten Sie bei AIS achten
- Nur ein Transponder macht Sie sichtbar. Ein Empfänger zeigt andere, sendet aber nichts.
- Class B/SO ist die verlässlichere Wahl, wenn Sie gesehen werden wollen. 5 Watt statt 2 – und feste Zeitschlitze statt Suchen vor jedem Senden. Einfaches Class B kann in dichtem Verkehr aussetzen.
- Ohne einprogrammierte MMSI sendet das Gerät nicht. Das ist keine Frage der Erlaubnis, sondern der Technik: Ein Transponder ohne Kennung geht gar nicht erst auf Sendung. Die Nummer erteilt die Bundesnetzagentur.
- Antenne klären, bevor Sie kaufen. Auf einem Segelboot ist der Splitter meist der bessere Weg – für eine zweite UKW-Antenne fehlt im Mast in der Regel der nötige Abstand.
- Plotter-Anbindung vor dem Kauf prüfen: Bei NMEA 0183 braucht AIS in der Regel den High-Speed-Port mit 38.400 Baud, bei NMEA 2000 ein vorhandenes Backbone.
- Reichweite ist Sichtlinie und hängt vor allem an der Antennenhöhe. Unter günstigen Bedingungen rund 20 Seemeilen – kein Radar, keine Kollisionswarnung.
Empfänger oder Transponder: der eine Unterschied, der zählt
AIS ist kein Ortungssystem, sondern ein Austausch. Die Internationale Seeschifffahrts-Organisation beschreibt es als Betrieb „ship-to-ship" zur Kollisionsverhütung und „ship-to-shore" zur Verkehrslenkung, fortlaufend und selbsttätig. Gesendet werden drei Arten von Daten: feste Angaben wie Rufzeichen, Name, Maße und Schiffstyp, laufende Angaben wie Position, Zeit, Kurs über Grund, Geschwindigkeit und Vorausrichtung, sowie reisebezogene Angaben wie Tiefgang, Ziel und voraussichtliche Ankunftszeit.
Ein Gerät, das nur empfängt, nimmt an diesem Austausch nicht teil. Es macht die Situation an Bord besser lesbar – auf dem Plotter erscheinen Namen, Kurse und Geschwindigkeiten der Berufsschifffahrt, oft schon zwanzig Minuten bevor man selbst etwas sieht. Für die Gegenseite bleibt Ihr Boot ohne AIS-Aussendung nur über andere Mittel erkennbar – Radar oder den visuellen Ausguck.
Ein Transponder – im Handel auch Transceiver oder AIS-Sender genannt – kehrt das um. Der Wachoffizier auf der Brücke sieht Ihren Namen, Ihren Kurs und Ihre Geschwindigkeit in seiner Zielliste, mit Namen ansprechbar über Funk. In enger Fahrwasserlage ist genau das der Unterschied zwischen „da ist irgendein Segler" und „die Yacht Nordwind meldet Kurs 040 mit fünf Knoten".
- Empfänger: Sie sehen andere. Sinnvoll als erster Schritt, bei kleinem Budget und ohne Funkgenehmigung.
- Transponder: Sie sehen andere und werden gesehen. Die eigentliche Sicherheitsfunktion.
- Beides ersetzt keine Ausguckpflicht – dazu weiter unten mehr.
Tipp aus der Praxis
Wer unsicher ist, welche Ausbaustufe passt, sollte nicht beim Gerät anfangen, sondern beim Törnprofil. Tagfahrten im Sichtbereich der Küste stellen andere Anforderungen als Nachtfahrten durch Verkehrstrennungsgebiete oder eine Nordseeüberquerung.
Class A, Class B, Class B/SO – was die Bezeichnungen bedeuten
Für Sportboote ist vor allem der Unterschied zwischen Class B und Class B/SO relevant. Class A steht in der folgenden Tabelle nur zum Vergleich: Sie ist die Ausführung der Berufsschifffahrt und für ein Sportboot weder gedacht noch nötig. Die beiden Class-B-Varianten dagegen sehen im Regal gleich aus und unterscheiden sich funktional deutlich.
Die Sendeleistungen sind in Deutschland nicht Auslegungssache. Die Allgemeinzuteilung der Bundesnetzagentur für Seefunkstellen legt sie zusammen mit den beiden AIS-Kanälen fest:
Hier lohnt es sich, genau hinzusehen, weil der Unterschied oft falsch erzählt wird. Im Geschwindigkeitsbereich einer Segelyacht – zwei bis vierzehn Knoten – melden beide Varianten gleich häufig, nämlich alle 30 Sekunden. Das engere Intervall von Class B/SO greift erst oberhalb von vierzehn Knoten. Für eine Zwölf-Meter-Yacht liegt der Vorteil von Class B/SO also nicht in der Meldefrequenz, sondern in der Sendeleistung – und im Zugangsverfahren.
Und die zählt. Fünf Watt statt zwei verbessern die Chance, unter ungünstigen Bedingungen überhaupt aufgenommen zu werden – bei Seegang, wenn die Antenne rollt und die Antennenkeule zeitweise ins Wasser zeigt, oder auf größere Entfernung. Für schnelle Motorboote kommt das engere Intervall hinzu: Wer mit zwanzig Knoten fährt und alle 15 statt alle 30 Sekunden meldet, hinterlässt Abstände von rund 150 statt 300 Metern zwischen zwei Positionen.
Das Zugangsverfahren entscheidet mit darüber, ob Sie überhaupt durchkommen. Ein Class-B-Gerät wählt vor jedem Senden einen Zeitschlitz zufällig aus und hört hinein: Klingt er lauter als das Grundrauschen, gilt er als besetzt, und das Gerät sucht einen anderen. Einen Schlitz für den nächsten Durchgang darf es nicht reservieren – dieses Vorrecht ist Class A vorbehalten, damit die Berufsschifffahrt immer Vorrang hat.
Daraus folgt der praktische Nachteil: Je voller der Funkkanal, desto häufiger findet ein Class-B-Gerät keinen freien Zeitschlitz – und meldet sich in diesem Durchgang gar nicht. Ausgerechnet dort, wo viel Verkehr ist, wird ein einfaches Class B also unzuverlässig sichtbar. Class B/SO kennt das Problem nicht: Es reserviert seine Zeitschlitze wie Class A im Voraus und ist damit nicht darauf angewiesen, vor jeder Meldung erst eine Lücke zu finden. Zusammen mit den 5 statt 2 Watt ist das der eigentliche Grund, Class B/SO zu nehmen, wenn es auf die eigene Sichtbarkeit ankommt.
Quellen: Bundesnetzagentur, Vfg. 52/2023, Punkt 4.2.1 · ITU-R M.1371-6, Anlage 1 Abschnitt 4.2.1, Tabelle 2 · IALA G1082, Abschnitt 4.1.1 und Tabelle 3 · Canadian Coast Guard e-Navigation, „SOTDMA and CSTDMA".
Wer muss AIS führen – und wer nicht
Die Ausrüstungspflicht kommt aus der internationalen und europäischen Regelsetzung, nicht aus dem Sportbootrecht. Die EU-Richtlinie über ein Überwachungs- und Informationssystem für den Schiffsverkehr verlangt AIS für alle Fahrgastschiffe unabhängig von der Größe und für Schiffe ab 300 Bruttoraumzahl, die einen Hafen in der Union anlaufen. Die Nachrüstfristen für den Altbestand liefen zwischen 2003 und 2007 aus.
Ein Sportboot liegt unterhalb dieser Schwellen. Eine Pflicht ergibt sich für Freizeitskipper daraus also nicht – sie entsteht aus den Schwellenwerten heraus nicht, und nicht, weil Sportboote ausdrücklich ausgenommen wären. Für Class-B-Geräte gibt es zudem gar keine internationale Trägerpflicht; einzelne Staaten schreiben sie regional vor.
Auf Binnenwasserstraßen gelten eigene Vorschriften mit eigenen Geräteanforderungen. Dieser Ratgeber behandelt die Seeschifffahrt.
Quellen: Richtlinie 2002/59/EG, Artikel 6 und Anhang II Abschnitt I · IALA G1082, Abschnitt 4.1.1.2.
Die MMSI: ohne Kennung kein Sendebetrieb
Ein AIS-Transponder sendet unter einer neunstelligen Kennung, der Maritime Mobile Service Identity. Sie identifiziert Ihr Boot – auf dem fremden Plotter, im Funkverkehr und im Seenotfall. Deutsche Kennungen beginnen mit 211 oder 218.
Zuständig ist die Bundesnetzagentur, Außenstelle Hamburg. Die Nutzung der AIS-Frequenzen setzt nach der Allgemeinzuteilung die vorherige Erteilung einer Ship Station Licence voraus – ohne diese Zuteilung ist der Sendebetrieb unzulässig. Das Antragsformular für die Sportschifffahrt fragt ausdrücklich nach der Anzahl der Sender und Transponder; ein reiner Empfänger taucht dort nicht auf.
Unabhängig von der Rechtslage entscheidet das Gerät selbst. Solange keine MMSI einprogrammiert ist, geht ein Transponder nicht auf Sendung: Er zeigt andere Fahrzeuge an, meldet sich aber nicht. Das ist kein Versehen, sondern so gebaut – ein Fahrzeug ohne gültige Kennung hat im Sicherheitsfunk nichts zu suchen. Wer den Transponder einbaut und die Zuteilung „später" nachholen will, hat bis dahin einen Empfänger.
Zwei Punkte, die in der Praxis Ärger machen: Die Kennung hängt am Boot, nicht am Gerät. Bei einem Eigentümerwechsel ist die Berichtigung der Ship Station Licence zu beantragen, bei Rückgabe ist sie zurückzugeben. Und: Wer ein gebraucht gekauftes Gerät einbaut, ohne die MMSI umzuprogrammieren, sendet unter fremder Kennung. Das ist kein Schönheitsfehler, sondern eine falsche Aussage im Sicherheitsfunk.
Hinweis
Die MMSI lässt sich bei vielen Transpondern nur einmal einprogrammieren. Prüfen Sie die Nummer Ziffer für Ziffer, bevor Sie sie bestätigen – und tragen Sie sie ins Bordbuch ein.
Ein AIS-Transponder allein macht kein Funkzeugnis nötig, sobald aber ein Sprechfunkgerät an Bord ist, gilt für dessen Betrieb das Zeugnis: SRC für UKW-Seefunk auf Sportfahrzeugen, LRC für den uneingeschränkten Seefunkdienst. Prüfung und Erteilung liegen beim Deutschen Motoryachtverband und beim Deutschen Segler-Verband.
Quellen: Bundesnetzagentur, Seefunk – Nummernzuteilung · Nummernplan MMSI, Ziffern 2.1 bis 2.2.4 und 6.1 bis 6.3 · ELWIS, Sprechfunkzeugnisse.
Eigene Antenne oder Splitter
AIS arbeitet im UKW-Band, direkt oberhalb der Sprechfunkkanäle. Es braucht deshalb eine UKW-Antenne – und hier entscheidet sich, wie gut die Anlage später funktioniert. Zwei Wege sind üblich.
- Separate AIS-Antenne: technisch unabhängig vom Sprechfunk, dafür eine zusätzliche Antenne, ein zweites Kabel, ein weiterer Masteinlass – und der Abstand zur Sprechfunkantenne muss stimmen.
- Antennensplitter: deutlich weniger Installationsaufwand und für viele Sportboote der praktikable Weg. Beim Funken hat das UKW-Gerät Vorrang, das AIS pausiert so lange.
Für die meisten Segelboote ist der Splitter der bessere Weg – nicht als Kompromiss, sondern weil sich eine zweite UKW-Antenne im Mast nur selten mit ausreichendem Abstand unterbringen lässt. Eine eigene Antenne lohnt sich dort, wo viel gefunkt wird und gleichzeitig auf verlässliche AIS-Sichtbarkeit ankommt – und wo der Platz dafür da ist. Die Details zu beiden Wegen:
Eigene Antenne. Die Abstandszahlen, die zu diesem Thema kursieren – zwei Meter zu leitenden Aufbauten, zehn Meter zur Sprechfunkantenne auf gleicher Höhe, drei Meter zu Radarantennen –, stammen aus der Installationsleitlinie der IMO. Die ist für die Berufsschifffahrt geschrieben, für Schiffe mit Aufbauten, Antennendecks und Radarplattformen, auf denen solche Abstände überhaupt darstellbar sind. Auf einer Zwölf-Meter-Yacht sind sie es nicht, und es hat keinen Sinn, sie dort als Maßstab anzulegen.
Maßgeblich ist auf einem Sportboot deshalb die Einbauanleitung des Transponders. Verbreitet ist die Vorgabe, mindestens einen Meter Abstand zu jeder anderen UKW- oder Grenzwellenantenne zu halten und die Antenne nicht in die Radarkeule zu setzen. Dazu kommt, was ohnehin gilt: freie Sicht zum Horizont rundum, ein möglichst kurzer Kabelweg und ein gut geschirmtes Koaxkabel in Marinequalität. Prüfen Sie die Anleitung Ihres Geräts – die Werte unterscheiden sich zwischen den Herstellern.
Zwei UKW-Antennen sind auf einem Segelboot selten eine gute Lösung. Die Höhe gibt der Mast nur einmal her, und der geforderte Meter Abstand ist am Masttop kaum unterzubringen, ohne die zweite Antenne tiefer zu setzen – womit sie an Reichweite verliert. Wer die Wahl hat, nimmt den Splitter.
Antennensplitter. Teilt die vorhandene Sprechfunkantenne zwischen Funkgerät und AIS. Das spart Antenne, Kabel und Mastarbeit und ist bei vielen Transpondern schon eingebaut. Der Preis dafür ist eine feste Rangfolge: Funk und AIS können nicht gleichzeitig senden, den Vorrang hat immer das Sprechfunkgerät. Solange Sie die Sprechtaste drücken, sendet Ihr AIS nicht – und empfängt auch nicht. Die US-Küstenwache hat das 2024 ausdrücklich als Sicherheitshinweis herausgegeben.
Quellen: IMO SN/Circ.227, Abschnitte 2.1 bis 2.2.2 · USCG Safety Alert 01-24 · Einbauanleitungen der Transponderhersteller. Die IMO-Leitlinie gilt für Schiffe der Berufsschifffahrt; ihre Abstandswerte sind auf Sportboote nicht übertragbar.
Anbindung an Plotter und Bordnetz
Damit AIS-Ziele auf dem Kartenplotter erscheinen, müssen Gerät und Plotter dieselbe Sprache sprechen. Zwei Standards sind im Feld.
Prüfen Sie vor dem Kauf, welche Schnittstelle Ihr Plotter frei hat – nicht welche er theoretisch beherrscht. Viele Ältere haben genau einen 38.400er-Eingang, und der ist womöglich schon belegt. Viele neuere Transponder geben zusätzlich per WLAN aus, was Tablet und Handy als Zweitanzeige erschließt, den Plotter aber nicht ersetzt.
Welches AIS passt zu welchem Boot?
Alle Bausteine der Entscheidung stehen oben. Hier sind sie zu den Fällen zusammengesetzt, die am häufigsten vorkommen. Wer sich nicht wiederfindet, entscheidet nach der einen Frage, an der alles andere hängt: Soll das eigene Boot gesehen werden oder nicht?
- Küstennahes Fahrtenboot, überwiegend tagsüber. Ein AIS-Empfänger kann ausreichen, wenn es vor allem darum geht, den Berufsverkehr besser einzuschätzen. Das eigene Boot wird dadurch nicht sichtbar.
- Segelyacht mit längeren Törns, Nachtfahrten oder viel Berufsverkehr: Transponder, und zwar Class B/SO. Sie sehen andere und werden selbst gesehen – und genau bei der eigenen Sichtbarkeit macht B/SO den Unterschied: reservierte Zeitschlitze statt Suchen vor jedem Senden, dazu 5 statt 2 Watt. Ein einfaches Class B bleibt die günstigere Grundausstattung, hat aber in dichtem Verkehr eine Schwäche, die man kennen sollte.
- Schnelles Motorboot oder anspruchsvolles Fahrtgebiet: Class B/SO. Hier kommt zu Sendeleistung und Zugangsverfahren oberhalb von vierzehn Knoten noch das engere Meldeintervall hinzu.
- Vorhandene UKW-Antenne soll mitbenutzt werden: Transponder mit eingebautem Splitter prüfen. Spart Mastarbeit und ein zweites Kabel; dafür hat beim Funken immer das Sprechfunkgerät Vorrang.
- Modernes Bordnetz mit Plotter: NMEA 2000 bevorzugen, sofern ein Backbone liegt. Sonst NMEA 0183 – und vorher prüfen, ob ein 38.400er-Port frei ist.
Für jede Variante mit Sendefunktion gilt zusätzlich: Ohne einprogrammierte MMSI sendet das Gerät nicht – und die Nummer gibt es nur mit Zuteilung. Diesen Schritt vor dem Kauf mitplanen, nicht danach.
Was AIS nicht leistet
Die Reichweite ist Sichtlinie und wird vor allem durch die Antennenhöhe bestimmt. Die Ausbreitung ist etwas günstiger als beim Radar, weil die Wellenlänge größer ist – man „sieht" um flache Landzungen herum. Unter günstigen Bedingungen sind auf See Reichweiten um zwanzig Seemeilen möglich; zwischen zwei kleinen Booten mit niedrig montierten Antennen kann es deutlich weniger sein. Wer mit einer festen Zahl rechnet, hat das Prinzip missverstanden.
Vor allem aber: AIS ist eine zusätzliche Informationsquelle, kein Ersatz. Die IMO formuliert das in ihren Betriebsleitlinien deutlich – AIS ergänzt Radar-Zielverfolgung und Verkehrslenkung, ersetzt sie nicht. Die Verantwortung nach den Kollisionsverhütungsregeln bleibt unberührt, ausdrücklich mit Blick auf Regel 7 und die Frage, ob Kollisionsgefahr besteht. Und AIS darf nicht die einzige Quelle sein.
- Nicht jeder sendet. Sportboote, Fischer und Marineeinheiten führen häufig kein AIS. Ein leerer Bildschirm ist kein leeres Fahrwasser.
- AIS kann abgeschaltet sein. Auch bei ausrüstungspflichtigen Schiffen, nach Ermessen des Kapitäns.
- Die Daten sind nicht geprüft. Das System ist offen und nicht abgesichert; falsche oder erfundene Aussendungen und Geisterziele sind möglich.
- Statikdaten sind oft falsch. Navigationsstatus, Tiefgang, Zielhafen und Ankunftszeit werden von Hand eingegeben – und veralten entsprechend.
Der letzte Punkt gilt auch für Sie selbst: Für alles, was Ihr Gerät aussendet, sind Sie verantwortlich. Fehlerhafte Angaben sind ein Risiko für andere und für die eigene Crew.
Quellen: IMO Res. A.1106(29), Ziffern 3, 32 bis 37 und 41 bis 42 · IALA G1082, Abschnitte 5.1 und 5.4 · USCG NavCen, How AIS works.
Praxis: was nach dem Einbau zu prüfen ist
Ein AIS, das sendet, aber Unsinn sendet, ist schlechter als keines. Nach dem Einbau gehören deshalb drei Kontrollen dazu.
Erstens die eigenen Daten: Bootsname, Rufzeichen, MMSI, Länge und Breite, Antennenposition. Die Maße gehören ehrlich eingetragen – sie bestimmen, wie groß Ihr Symbol auf dem fremden Bildschirm dargestellt wird.
Zweitens die Sichtbarkeit von außen. Lassen Sie sich von einem Boot in der Nähe bestätigen, dass Sie erscheinen, oder prüfen Sie es an einer Landstation. Ein Gerät, das intern „senden" anzeigt, beweist noch nicht, dass die Antenne angeschlossen ist.
Drittens die Störfreiheit. UKW-Empfang leidet erfahrungsgemäß unter schlecht entstörter LED-Beleuchtung an Bord – die US-Küstenwache hat dazu einen eigenen Sicherheitshinweis veröffentlicht. Wer nach dem Einbau plötzlich weniger Ziele sieht als vorher, sollte die Beleuchtung testweise abschalten.
Fazit
Die Entscheidung fällt in dieser Reihenfolge: erst Empfänger oder Transponder, dann Class B oder Class B/SO, dann Antenne und Anbindung. Wer gesehen werden will, braucht einen Transponder und eine zugeteilte MMSI – daran führt kein Weg vorbei. Zwischen Class B und Class B/SO entscheidet nicht die Meldefrequenz, sondern die Sendeleistung und das Zugangsverfahren: B/SO reserviert seine Zeitschlitze, einfaches Class B muss vor jeder Meldung eine freie Lücke finden – und findet sie in dichtem Verkehr nicht immer. Wer auf die eigene Sichtbarkeit angewiesen ist, kauft mit B/SO die verlässlichere Meldung. Und bei allem gilt der Satz, den die IMO selbst in ihre Leitlinien geschrieben hat: AIS ergänzt Radar und Ausguck, es ersetzt sie nicht.
Häufige Fragen
Reicht ein AIS-Empfänger für die Ostsee?+
Für die Orientierung ja – Sie sehen den Berufsverkehr, was in der Kadetrinne, vor Warnemünde oder im Fehmarnbelt schon viel wert ist. Für die eigene Sichtbarkeit nein: Ein Empfänger sendet nichts, Ihr Boot erscheint auf keinem fremden AIS-Bildschirm. Wer nachts, bei schlechter Sicht oder in Verkehrstrennungsgebieten unterwegs ist, sollte einen Transponder einbauen.
Class B oder Class B/SO – was ist für Sportboote besser?+
Class B/SO, wenn es auf die eigene Sichtbarkeit ankommt. Zwei Gründe: Es sendet mit 5 statt 2 Watt, und es reserviert seine Zeitschlitze im Voraus. Ein einfaches Class B muss dagegen vor jeder Meldung einen freien Zeitschlitz suchen und darf keinen für die Zukunft belegen – ist der Funkkanal voll, meldet es sich in diesem Durchgang gar nicht. Ausgerechnet in dichtem Verkehr wird die Sichtbarkeit damit unzuverlässig. Die Meldefrequenz ist übrigens zwischen zwei und vierzehn Knoten bei beiden gleich, nämlich alle 30 Sekunden – das engere Intervall von B/SO greift erst darüber und zählt vor allem für schnelle Motorboote.
Brauche ich für AIS eine MMSI und wie bekomme ich sie?+
Für den Sendebetrieb ja – und zwar doppelt: Ohne einprogrammierte Kennung geht der Transponder technisch gar nicht erst auf Sendung, und die Nutzung der AIS-Frequenzen setzt eine Zuteilung durch die Bundesnetzagentur voraus. Zuständig ist die Außenstelle Hamburg, beantragt wird mit dem Formular für die Sportschifffahrt. Die Zuteilung ist gebührenpflichtig; die aktuellen Sätze stehen im Gebührenverzeichnis der Bundesnetzagentur. Ein reiner Empfänger braucht keine Kennung.
Zweite Antenne oder Splitter – was ist besser?+
Auf einem Segelboot in der Regel der Splitter. Eine eigene Antenne bedeutet volle Unabhängigkeit, aber einen zweiten Masteinlass, ein zweites Kabel – und vor allem Abstand: Die Einbauanleitungen der Transponderhersteller verlangen verbreitet mindestens einen Meter zu jeder anderen UKW-Antenne und einen Platz außerhalb der Radarkeule. Am Masttop ist das kaum unterzubringen. Der Splitter spart das alles, koppelt AIS aber an den Sprechfunk: Während gefunkt wird, sendet und empfängt das AIS nicht. Die oft zitierten Abstände von zwei, drei und zehn Metern stammen aus der IMO-Leitlinie für die Berufsschifffahrt und sind auf ein Sportboot nicht übertragbar.
Warum sehe ich manche Boote nicht auf dem Plotter?+
Weil sie nicht senden. Sportboote, Fischereifahrzeuge und Marineeinheiten führen oft kein AIS, und auch ausrüstungspflichtige Schiffe dürfen es unter Umständen abschalten. Dazu kommen Reichweitengrenzen: AIS ist Sichtlinienfunk, die Reichweite hängt vor allem an der Antennenhöhe. Unter günstigen Bedingungen sind rund zwanzig Seemeilen möglich, zwischen zwei kleinen Booten mit niedrigen Antennen deutlich weniger. Ein leerer Bildschirm ist deshalb nie die Bestätigung, dass niemand da ist.


