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Seekrankheit an Bord: Frühzeichen erkennen, Crew führen, sicher bleiben


Seekrankheit ist ein Sicherheitsthema, kein Befindlichkeitsthema

Wer seekrank wird, ist nicht schwach oder unerfahren. Es trifft Mitsegler beim ersten Törn genauso wie Skipper mit tausenden Seemeilen — und wenn es mehrere in der Crew trifft, wird aus einem unangenehmen Tag eine Frage der Schiffssicherheit.

Für Sie als Schiffsführer ist das die entscheidende Perspektive. Solange nur Ihnen selbst übel ist, ist Seekrankheit unangenehm. Sobald ein Teil der Crew ausfällt, ändert sich die Lage an Bord: Wachen lassen sich nicht mehr besetzen, Manöver dauern länger, und im ungünstigen Fall bleibt die Arbeit an einer Person hängen, der es selbst nicht gut geht.

Dieser Ratgeber behandelt deshalb nicht in erster Linie, was gegen Übelkeit hilft, sondern was Sie als Verantwortlicher an Bord tun: die Anzeichen erkennen, bevor jemand über der Reling hängt, das Schiff und die Crew entsprechend führen, und die Ausrüstung dabeihaben, die in dieser Lage zählt. Wer direkt zur Ausrüstungsfrage will, springt zu Welche Ausrüstung zu welchem Törn passt.

Das Wichtigste für den Schiffsführer

  • Die ersten Anzeichen sind nicht Übelkeit. Gähnen, nachlassende Aktivität, Müdigkeit und Kopfdruck kommen vorher — dann ist Gegensteuern noch einfach.
  • Der Kurs ist ein Mittel. Unregelmäßige, eiernde Bewegungen begünstigen Seekrankheit; eine Kursänderung kann mehr bringen als jede Tablette.
  • An Deck gilt Anschnallpflicht. Bei schweren Symptomen steigt an Deck das Risiko eines Sturzes oder eines Überbordgehens erheblich — wer trotzdem an Deck muss, ist gesichert.
  • Mittel wirken am zuverlässigsten vor der Belastung, nicht im Seegang. Was Sie nehmen wollen, testen Sie vorher an Land nach ärztlicher Rücksprache.
  • Die Bordapotheke gehört zum Fahrtgebiet. Küstentörn und Offshore-Passage stellen verschiedene Anforderungen.

Warum der Körper auf Seegang mit Übelkeit reagiert

Seekrankheit gehört zu den Kinetosen, den Bewegungskrankheiten. Ihr Auslöser ist kein empfindlicher Magen, sondern ein Widerspruch zwischen Sinneseindrücken. Unter Deck meldet das Auge, der Raum stehe still — der Tisch, die Kojenwand, das Schott bewegen sich schließlich mit. Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr meldet gleichzeitig Bewegung, weil das Schiff hebt und senkt. Muskeln und Gelenke arbeiten unbewusst gegen das Schwanken an und melden noch einmal etwas anderes.

Der Kern ist damit eine Gewöhnungsfrage: Das Gehirn hat gelernt, dass wir uns entweder auf festem Boden bewegen oder eben nicht. Trifft beides gleichzeitig zu, geraten die Informationen miteinander in Konflikt, die zur selben Zeit verarbeitet werden müssen. Fachlich heißt das intersensorischer Konflikt.

Auf diesen Konflikt reagiert das Nervensystem mit den typischen Symptomen der Bewegungskrankheit. Beteiligt sind daran Botenstoffsysteme im Gehirn — unter anderem das Histamin- und das Acetylcholinsystem, an denen auch die klassischen Mittel gegen Reisekrankheit ansetzen. Je nach Person und Stärke der Bewegung reichen die Beschwerden von Müdigkeit, Schwindel und Unwohlsein bis zu Übelkeit und Erbrechen. Das erklärt auch, warum manche Menschen sich ohne jede Vorwarnung übergeben und andere stundenlang nur übel werden, ohne dass etwas passiert.

Wie stark es jemanden trifft, hängt von Dauer und Intensität der Bewegungen ab, von der Gesamtsituation an Bord, vom Alter und vom Geschlecht. Eine verlässliche Regel, wen es erwischt und wen nicht, gibt es nicht. Eine gute Nachricht aber schon: Mit zunehmender Exposition kann sich der Körper an die ungewohnte Bewegung gewöhnen und die Beschwerden können nachlassen. Eine vollständig ausgebildete Gewöhnung kann sehr wirksam vor Bewegungskrankheit schützen — sie stellt sich aber langsam ein, und wie schnell, ist von Person zu Person sehr unterschiedlich.

Die Frühzeichen, die vor der Übelkeit kommen

Der wichtigste Satz dieses Ratgebers steht in diesem Abschnitt: Wenn jemand über Übelkeit klagt, ist der günstigste Zeitpunkt bereits vorbei. Vorher gibt es Anzeichen, die von außen zu sehen sind — und die derjenige, den es trifft, meist selbst nicht mit Seekrankheit in Verbindung bringt.

Regelmäßiges Gähnen gehört dazu, nachlassende Motivation oder Aktivität, Müdigkeit, Sehstörungen und ein Druckgefühl im Kopf. Wer in der Crew plötzlich still wird, sich hinsetzt und nichts mehr von selbst anfasst, ist möglicherweise nicht faul, sondern auf dem Weg. Kommen Blässe, tränende Augen und Schweißausbrüche dazu, sollte schnell gegengesteuert werden.

Für Sie heißt das: Beobachten Sie die Crew, besonders in den ersten Stunden nach dem Ablegen und nach jeder deutlichen Verschlechterung des Seegangs. Ein kurzes Nachfragen kostet nichts, und die Maßnahmen im nächsten Abschnitt wirken umso besser, je früher sie greifen.

Frühe Zeichen
Regelmäßiges Gähnen, nachlassende Aktivität, Müdigkeit, Sehstörungen, Kopfdruck. Jetzt handeln: an Deck holen, Aufgabe geben, Blick auf die Kimm.
Deutliche Zeichen
Blässe, tränende Augen, Schweißausbrüche. Jetzt schnell handeln: Platz in der Schiffsmitte, warme Kleidung, Kurs prüfen.
Schwerer Verlauf
Anhaltendes Erbrechen, Elends- und Vernichtungsgefühl, drohender Kreislaufzusammenbruch. Jetzt sichern: unter Deck legen, Flüssigkeit anbieten, an Deck nur gesichert.

Was an Bord wirklich hilft — und was das Schiff dazu beitragen kann

An Deck fällt es leichter, die Bewegung des Schiffes mit den Augen einzuordnen. Eine aktive Aufgabe und der Blick in Fahrtrichtung auf die Kimm können zusätzlich helfen. Das ist ein Grund, warum ein Rudergänger oft besser zurechtkommt als ein Mitsegler unter Deck: Er hat eine Aufgabe und kann die Bewegung des Bootes sehen.

Wer an Deck geht, braucht allerdings passende Kleidung. Kälte verkehrt die positiven Effekte der Seeluft ins Gegenteil — jemanden im T-Shirt zwei Stunden in den Cockpit-Sprühnebel zu setzen, macht die Sache schlimmer, nicht besser. Wer eine seekranke Person an Deck holt, holt zuerst deren Ölzeug.

Der am wenigsten schwankende Ort liegt in der Regel in der Schiffsmitte. Vorschiff und Achterkajüte machen die Bewegung stärker mit, weil sie weiter vom Drehpunkt entfernt liegen. Wer sich hinlegen muss, tut das mittschiffs; wer sitzen bleibt, sucht sich ebenfalls einen Platz möglichst weit weg von den Enden.

Ein Handgriff, der wenig bekannt ist und nichts kostet: ruhig und gleichmäßig weiteratmen. Gemeint ist kein tiefes Durchatmen, sondern das bewusste Atmen im eigenen Ruhetempo. Untersuchungen zeigen dafür einen messbaren Effekt — schwächer als bei Medikamenten, aber ohne jede Nebenwirkung. Es braucht etwas Übung und Aufmerksamkeit: Wer gerade ein Manöver fährt, wird es nicht nebenbei hinbekommen, wer im Cockpit sitzt und wartet, schon.

Tipp aus der Praxis

Der Blick geht in Fahrtrichtung auf die Kimm — der Horizont ist die stabile Referenz, an der das Auge die Bewegung des Bootes wieder einordnen kann. Wichtig ist dabei ein Detail, das oft fehlt: Im Augenwinkel sollte auch das Schiff zu sehen sein. Erst dann kann das Gehirn die beiden widersprüchlichen Meldungen zusammenbringen und sich an die Bewegung gewöhnen.

Der Kurs ist ein Mittel gegen Seekrankheit

Diese Möglichkeit wird an Bord selten genutzt, obwohl sie dem Schiffsführer allein zur Verfügung steht. Entscheidend ist nicht die Höhe der Welle, sondern die Art der Bewegung: Ein Fahrzeug, das sich gleichmäßig auf und ab bewegt, ist deutlich erträglicher als eines, das eiert. Unregelmäßige, ruckartige Bewegungen begünstigen Seekrankheit.

Auf einem Segelboot heißt das, über eine Kursänderung nachzudenken, sobald mehrere in der Crew Anzeichen zeigen. Ein etwas längerer Weg mit ruhigerem Verhalten im Seegang kann die bessere Entscheidung sein als der kürzeste Kurs, auf dem in zwei Stunden die halbe Besatzung ausfällt. Das ist keine Bequemlichkeitsfrage, sondern eine Frage der Schiffssicherheit.

Was vor dem Ablegen zählt

Der Zustand, in dem jemand an Bord geht, entscheidet mit. Ausgeruht, entspannt und fit an Bord zu kommen, verbessert die Ausgangslage deutlich. Schlaf spielt dabei eine wichtige Rolle: Schlafmangel kann die Anfälligkeit für Seekrankheit erhöhen. Die Anreise über Nacht mit dem Auto und das direkte Ablegen am Morgen sind vor diesem Hintergrund keine gute Kombination.

Auch die Erwartung wirkt mit: Angst und Anspannung können die Wahrnehmung und Ausprägung der Beschwerden beeinflussen. Als Schiffsführer können Sie das berücksichtigen, indem Sie das Thema vor dem Ablegen ruhig ansprechen, statt es zum Tabu zu machen.

Beim Essen hat sich in der Praxis bewährt, was leicht verdaulich ist und den Magen nicht belastet: kohlenhydrathaltige, nicht zu voluminöse Mahlzeiten mit wenig Fett, dazu Suppen, Zwieback und milde Tees. Schwer verdauliche und stark gewürzte Speisen sowie Alkohol sind an einem Tag mit Seegang keine gute Wahl — Alkohol ohnehin nicht, wenn jemand später eine Wache gehen soll. Und Trinken nicht vergessen: Wer wenig trinkt, weil ihm ohnehin flau ist, verschlechtert seine Lage.

Über Hausmittel wird an Bord viel diskutiert, und fast jeder Skipper hat sein eigenes. Wir geben dazu bewusst keine Empfehlung ab — was im Einzelfall sinnvoll ist, gehört in die Hand von Arzt oder Apotheke. Wer aus eigener Erfahrung weiß, was ihm an Bord guttut, startet aber oft entspannter in einen Törn.

Wenn es jemanden erwischt: Crew führen statt Sprüche machen

Wird aus den Anzeichen ein schwerer Verlauf, kommt es zu starker Übelkeit und Erbrechen, zu einem Elends- und Vernichtungsgefühl und im ungünstigen Fall bis zum Kreislaufzusammenbruch. Zusätzliche Probleme entstehen, wenn jemand an Bord regelmäßig Medikamente einnehmen muss und diese nicht bei sich behalten kann.

Die Betroffenen brauchen dann drei Dinge: Zuspruch, Flüssigkeit und einen Platz. Zuspruch heißt vor allem, auf unpassende Sprüche zu verzichten. Schwere Seekrankheit darf nicht bagatellisiert oder belächelt werden — sie ist kein Zeichen mangelnder Erfahrung, und ein gestandener Seemann mit tausenden Seemeilen ist davor nicht gefeit. Wer den Betroffenen aufzieht, verschlechtert seine Lage und macht es zugleich für alle anderen unwahrscheinlicher, dass sie sich rechtzeitig melden.

Der Platz sollte möglichst ruhig und schiffsmittig liegen. Wer sich hinlegen möchte, sollte so gelagert sein, dass er nicht aus der Koje fallen kann und bei erneutem Erbrechen sicher reagieren kann — die Seekoje gehört dafür mit einem Leesegel ausgestattet. Ruhe und Schlaf sind ausdrücklich sinnvoll: Schlafmangel kann die Anfälligkeit für Bewegungskrankheit erhöhen und die Anpassung an die Bewegung erschweren. Wer nicht mehr für Wache oder Manöver gebraucht wird, sollte deshalb möglichst zur Ruhe kommen.

Flüssigkeit ist mehr als Bequemlichkeit. Wer anhaltend erbricht, läuft Gefahr zu dehydrieren und mit Elektrolyten unterversorgt zu sein. Beides schwächt zusätzlich und verlängert die Erholung.

Hinweis

Behalten Sie im Blick, wie viele Personen an Bord noch voll einsatzfähig sind. Fallen Besatzungsmitglieder aus, kann das die Schiffssicherheit erheblich gefährden — bis hin zu Lagen, in denen fremde Hilfe nötig wird. Und dann kommt eine Schwierigkeit dazu, die man vorher selten bedenkt: Auch die Übernahme einer Schleppleine oder das Ansteuern einer Position will noch geleistet werden. Eine Crew, die dazu nicht mehr in der Lage ist, macht aus einer beherrschbaren Lage eine ernste.

Sicherung an Deck: der Punkt, an dem Seekrankheit gefährlich wird

Bei schweren Symptomen steigt an Deck das Risiko eines Sturzes oder eines Überbordgehens erheblich. Das hat einen naheliegenden Grund: Wer sich übergeben muss, geht an die Reling oder ans Heck, beugt sich nach außen, hat die Hände nicht frei und ist gleichzeitig geschwächt, unkonzentriert und in seiner Reaktionsfähigkeit eingeschränkt. Genau in dieser Kombination passieren Unfälle.

Deshalb gilt an Bord die einfachste aller Regeln, und sie gilt hier ohne Ausnahme: Wer sich in diesem Zustand an Deck aufhalten muss, ist mit einem Lifebelt gesichert. Das ist aus unserer Sicht kein Punkt, über den sich diskutieren lässt — es ist die Stelle, an der aus Seekrankheit ein Mann-über-Bord-Fall werden kann.

Praktisch heißt das, dass die Sicherheitsleine erreichbar sein muss, bevor sie gebraucht wird. Eine Lifeline oder ein Sicherheitsgurt, die unten in der Backskiste liegen, während jemand oben schon blass ist, erfüllen ihren Zweck nicht. Wer weiß, dass es rau wird, legt die Ausrüstung vorher bereit — zusammen mit der Rettungsweste, die ohnehin dazugehört.

Zwei Punkte aus der Praxis: Eine Lifeline mit zwei Anschlagarmen erlaubt es, sich umzupicken, ohne zwischendurch vollständig ungesichert zu sein. Und der Einpickpunkt gehört so gewählt, dass die Leine kürzer ist als der Weg über Bord — eine Sicherung, die einen Sturz erst außenbords bremst, ist nur die halbe Sicherung.

Was gegen Seekrankheit in die Bordapotheke gehört

Mittel gegen Seekrankheit gehören in jede Bordapotheke — und aus gutem Grund auch in die Notausrüstung einer Rettungsinsel oder in die Grab Bag. In einer Überlebenssituation kann Seekrankheit jeden treffen, und dort ist sie besonders gefährlich, weil ohnehin Flüssigkeit knapp ist.

Welches Mittel für wen infrage kommt, ist keine Frage, die ein Ratgeber beantworten kann und die wir auch nicht beantworten. Was wir aus der Beratung sagen können: Die Wirkung fällt von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich aus. Ein Präparat, das bei einem Crewmitglied zuverlässig hilft, kann beim nächsten wenig ausrichten — und genau deshalb ist der Zeitpunkt, an dem man das herausfindet, entscheidend.

Welche Wirkstoffgruppen es gibt — und wie viel Vorlauf sie brauchen

Gegen Bewegungskrankheit wirken im Wesentlichen zwei Substanzgruppen. Die eine sind Antimuskarinika; der bekannteste Wirkstoff daraus ist Scopolamin, das als Tablette und als Pflaster angeboten wird. Die andere sind H1-Antihistaminika, zu denen unter anderem Dimenhydrinat, Meclozin, Cinnarizin und Promethazin gehören. Beide Gruppen wirken im Zentralnervensystem und nicht im Magen — das ist der Grund, warum ein reines Magenmittel gegen Seekrankheit nichts ausrichtet.

Für die Törnplanung ist die Vorlaufzeit die wichtigere Angabe. Oral eingenommene Mittel brauchen je nach Wirkstoff etwa eine halbe bis vier Stunden, bis sie wirken; ein Pflaster braucht sechs bis acht Stunden. Die Wirkdauer reicht von rund vier Stunden bei einer Scopolamin-Tablette über acht bis vierundzwanzig Stunden bei den Antihistaminika bis zu etwa drei Tagen beim Pflaster. Wer morgens ablegen will, entscheidet also am Vorabend, nicht am Steg.

Auch in der Dämpfung unterscheiden sich die Wirkstoffe, und das ist für die Wacheinteilung der entscheidende Punkt: Scopolamin dämpft etwas weniger als Dimenhydrinat oder Meclozin, am stärksten dämpft Promethazin.

Zwei Gruppen, die man mitunter empfohlen bekommt, wirken gegen Seekrankheit dagegen nicht: die neueren, wenig dämpfenden Antihistaminika gegen Heuschnupfen und die Mittel gegen Übelkeit nach Operationen oder Chemotherapie. Beide erreichen die Hirnregionen nicht, auf die es hier ankommt.

Welcher Wirkstoff für wen infrage kommt, in welcher Form und in welcher Menge, ist keine Frage, die ein Ratgeber beantworten kann. Das gehört vor dem Törn mit Arzt oder Apotheke geklärt — auch deshalb, weil einige dieser Mittel bei bestimmten Vorerkrankungen nicht angewendet werden dürfen. Wir führen keine Arzneimittel und beraten dazu nicht.

Die Frage, die in der Beratung fast nie gestellt wird

Wer nach einem Mittel gegen Seekrankheit fragt, fragt nach der Wirkung gegen Übelkeit. Für den Schiffsführer ist eine andere Frage wichtiger: Macht es müde? Ein Teil der frei verkäuflichen Mittel wirkt dämpfend, und wer danach Ruder oder Ausguck übernimmt, ist nicht mehr derselbe Wachgänger wie vorher. Ein Mittel, das die Übelkeit nimmt und dabei sediert, macht aus einem seekranken Crewmitglied kein einsatzfähiges.

Klären Sie das mit Arzt oder Apotheke, und zwar bevor Sie ablegen — nicht nur für sich selbst, sondern für alle, die eine Wache gehen sollen. Ob und wie stark ein Präparat dämpft, steht in seiner Packungsbeilage; welches für Sie infrage kommt, entscheidet der Arzt. Wir führen keine Arzneimittel und beraten dazu nicht.

Für die Wacheinteilung heißt das ganz praktisch: Wer ein dämpfendes Mittel genommen hat, gehört nicht allein auf Wache und nicht ans Ruder in schwieriger Lage. Das ist keine medizinische, sondern eine seemännische Entscheidung — und die trifft der Schiffsführer.

Unser Tipp

Ein Mittel gegen Seekrankheit probiert man nach ärztlicher Rücksprache vor der Seereise aus, nicht auf ihr. So wissen Sie vorher, ob es bei Ihnen wirkt und wie müde es Sie macht — und nicht erst in dem Moment, in dem beides zählt. Dasselbe gilt für die Crew: Die Frage „Nimmt jemand etwas, und macht es müde?" gehört zur Sicherheitseinweisung wie der Platz der Rettungsweste.

Für die Bordapotheke selbst gilt dasselbe wie für den Rest der medizinischen Ausrüstung: Sie muss wasserdicht verpackt, vollständig und im Verfallsdatum sein, und ihr Umfang richtet sich nach dem Fahrtgebiet. Die Zusammenstellung verschreibungspflichtiger Medikamente stimmen Sie mit einem Arzt ab.

Welche Ausrüstung passt zu welchem Törn?

Die Bausteine stehen oben — hier sind sie für die üblichen Fälle zusammengesetzt. Maßstab ist nicht die Bootslänge, sondern wie lange Sie im Ernstfall auf sich allein gestellt sind.

  • Tagestörn und Revierfahrt: kompaktes Erste-Hilfe-Set plus Mittel gegen Seekrankheit. Hilfe ist meist innerhalb kurzer Zeit erreichbar, der Törn lässt sich abbrechen. Was zählt, ist die Erstversorgung und dass überhaupt etwas an Bord ist. Eine Notfalltasche für Tagestouren und Chartertörns deckt das ab.
  • Chartertörn mit wechselnder Crew: dasselbe Set, aber mit Einweisung. Bei Crews, die sich nicht kennen, weiß niemand, wer anfällig ist und wer Dauermedikamente nimmt. Die Frage vor dem Ablegen zu stellen, kostet zwei Minuten und ist wirksamer als jede Zusatzausrüstung.
  • Küstennahe Fahrt über mehrere Tage: erweitertes Set und griffbereite Sicherheitsleinen. Sobald Nachtfahrten oder längere Schläge dazukommen, muss die Sicherung an Deck ohne Suchen funktionieren. Eine Lifeline pro Person, die an Deck geht.
  • Offshore und Blauwasser: Eigenversorgung über Stunden bis Tage. Hier gehört ein erweitertes Set mit umfangreichem Verbandsmaterial an Bord, dazu ein Handbuch zur Seenotmedizin und die individuell mit einem Arzt abgestimmte Bordapotheke. Mittel gegen Seekrankheit gehören zusätzlich in die Rettungsinsel oder in die Grab Bag.
  • Familientörn mit Kindern: Erwartungsmanagement vor Ausrüstung. Kinder unter zwei Jahren werden nur selten seekrank; danach steigt die Anfälligkeit deutlich an. Ruhige Kurse, feste Schlafzeiten und ein Platz mittschiffs wirken hier mehr als jedes Präparat.

Für alle Fälle gilt dieselbe Bedingung: Die Ausrüstung muss regelmäßig auf Vollständigkeit, Zustand und vor allem Verfallsdaten geprüft werden. Ein Set, das seit vier Saisons unangetastet in der Backskiste liegt, ist im Ernstfall eine Vermutung, keine Ausrüstung.

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Wann Sie den Kurs ändern und wann Sie abbrechen

Eine feste Schwelle, ab der ein Törn abzubrechen ist, gibt es nicht — und niemand kann sie Ihnen von Land aus nennen. Was sich benennen lässt, sind die Fragen, die Sie sich stellen sollten, bevor die Lage sie für Sie beantwortet.

Die erste ist eine Rechenaufgabe: Wie viele Personen an Bord sind noch voll einsatzfähig, und reicht das für die Wachen, für ein Manöver unter Segeln und für einen Zwischenfall? Wenn die Antwort auf eine der drei Fragen nein lautet, ist der Kurs zu ändern — nicht später, sondern dann.

Die zweite betrifft die Dauer. Bei einer mehrtägigen Passage besteht grundsätzlich die Möglichkeit, dass die Beschwerden durch Gewöhnung nachlassen. Darauf sollte sich die Törnentscheidung jedoch nicht verlassen: Entscheidend bleibt, ob genügend Personen einsatzfähig sind und die betroffene Person ausreichend Flüssigkeit aufnehmen kann. Auf einem Schlag von acht Stunden stellt sich die Frage ohnehin nicht — dort ist das Ansteuern eines näher gelegenen Hafens die naheliegende Antwort.

Die dritte ist die medizinische: Kann die betroffene Person Flüssigkeit bei sich behalten? Anhaltendes Erbrechen ohne Flüssigkeitsaufnahme führt zu Dehydrierung und Elektrolytmangel — und wenn zusätzlich Dauermedikamente nicht im Körper bleiben, wird aus der Seekrankheit ein zweites, ernsteres Problem. Spätestens dann ist der nächste erreichbare Hafen die richtige Entscheidung, und im Zweifel steht der ärztliche Rat über Funk zur Verfügung.

Fazit

Seekrankheit lässt sich nicht ausschließen, aber sie lässt sich führen. Die drei Dinge, die dabei am meisten bringen, kosten nichts: die Crew in den ersten Stunden beobachten, statt auf Klagen zu warten; den Kurs als Werkzeug begreifen; und das Thema vor dem Ablegen ansprechen, damit sich niemand zu spät meldet.

Was Ausrüstung beitragen kann, ist ebenfalls überschaubar — und genau deshalb sollte es vollständig sein: ein Erste-Hilfe-Set, das zum Fahrtgebiet passt, Mittel gegen Seekrankheit, die vorher getestet wurden, und Sicherheitsleinen, die griffbereit liegen, bevor jemand sie braucht. Der teuerste Fehler ist nicht das falsche Präparat, sondern eine ungesicherte Person an der Reling.

Häufige Fragen zur Seekrankheit an Bord

Wie lange dauert Seekrankheit?+

Das lässt sich nicht allgemein beantworten. Mit zunehmender Zeit im Seegang kann sich der Körper an die Bewegung gewöhnen und die Beschwerden können nachlassen — wie schnell das geschieht, ist von Person zu Person sehr unterschiedlich und kann dauern. Planen Sie einen Törn deshalb nicht so, dass er nur aufgeht, wenn die Gewöhnung rechtzeitig eintritt.

Werden Kinder seekrank?+

Ja. Kinder unter zwei Jahren werden nur selten seekrank, danach steigt die Anfälligkeit deutlich an — im Schulalter ist sie am ausgeprägtesten. Bei Kindern wirken ruhige Kurse, ein Platz in der Schiffsmitte, feste Schlafzeiten und frische Luft besonders gut. Ob und welches Mittel für ein Kind infrage kommt, gehört in jedem Fall zum Kinderarzt.

Wann nehme ich ein Mittel gegen Seekrankheit ein?+

Mittel gegen Seekrankheit wirken in der Regel am zuverlässigsten, wenn sie rechtzeitig vor Beginn der Belastung eingenommen werden. Sind Übelkeit und Erbrechen bereits ausgeprägt, kann insbesondere die Aufnahme oral eingenommener Mittel erschwert sein. Der genaue Einnahmezeitpunkt richtet sich nach dem jeweiligen Präparat und seiner Packungsbeilage und gehört mit Arzt oder Apotheke besprochen. Probieren Sie es vor der Reise aus, nicht auf ihr.

Machen Mittel gegen Seekrankheit müde?+

Ein Teil davon ja — und für die Wacheinteilung ist das die wichtigere Frage als die Wirksamkeit gegen die Übelkeit. Wer ein dämpfendes Mittel genommen hat, gehört nicht allein auf Wache. Ob ein bestimmtes Präparat dämpft, steht in seiner Packungsbeilage und gehört mit Arzt oder Apotheke geklärt, bevor Sie ablegen.

Hilft der Blick auf den Horizont wirklich?+

Ja, mit einer Ergänzung: Der Blick geht in Fahrtrichtung auf die Kimm, und im Augenwinkel sollte zugleich das Schiff zu sehen sein. Erst dadurch kann das Gehirn die widersprüchlichen Sinneseindrücke abgleichen und sich an die Bewegung gewöhnen.

Was tue ich, wenn jemand an Deck muss und stark seekrank ist?+

Sichern. Bei schweren Symptomen steigt an Deck das Risiko eines Sturzes oder eines Überbordgehens erheblich. Wer sich dann an Deck aufhalten muss, gehört mit einem Lifebelt gesichert — und die Leine sollte kürzer sein als der Weg über Bord.

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Birger Scheidt – Bootsausrüstung, Sicherheit und Navigation aus echter Bordpraxis

Birger Scheidt ist seit 2011 bei HanseNautic tätig und Geschäftsführer der NV Chart Group. Seine fachlichen Schwerpunkte liegen in der Bootsausrüstung, Sicherheitsausrüstung, Bordtechnik und Navigation. Dabei verbindet er fundierte Produktkenntnis mit viel eigener Erfahrung auf dem Wasser – vom Segeln auf klassischem Kielboot bis zum Motorbootfahren mit einem XO-Motorboot.

Drei Atlantiküberquerungen, zahlreiche Seemeilen auf eigenem Kiel und seine Erfahrung mit dem Folkeboot prägen seinen Blick auf Ausrüstung, die an Bord wirklich funktionieren muss. In seinen Ratgebern bewertet Birger Produkte und Lösungen deshalb nicht nur nach technischen Daten, sondern vor allem danach, ob sie zum Boot, zum Revier und zum praktischen Einsatz passen.

Erfahren Sie mehr über Birger in seinem Autoren-Profil direkt hier: Mehr über Birger
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